Biomorphe Abstraktion | Morphogenetische Bildräume

Diese Werkgruppe entwickelt eine deutlich weichere, fließendere Formensprache als die parallel entstehenden linearen Abstraktionen. Die Bildformen wirken wie gewachsen: amorphe Gebilde, membranartige Umrisse, schichtartige Farbfelder und eingeschlossene Kerne strukturieren die Bildfläche.
 
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[WV-Nr. 628]
Id:628
Titel
Ohne Titel
Entstehungsjahr
um 1955
Material / Technik
Tempera und Kleister
Maße
ca. 44x62 cm
 
 
Liste der sids:
Im Unterschied zur konstruktiven oder gestischen Abstraktion entsteht hier der Eindruck von innerer Formbildung – als würden sich die Motive nicht komponieren, sondern aus sich selbst heraus entwickeln. Viele Arbeiten erinnern an mikroskopische Ansichten, organische Gewebe oder geologische Einschlüsse, ohne jedoch eindeutig referenziell zu werden.
Die häufige Rahmung durch farbige Zonen oder „Hüllen“ verstärkt diesen Eindruck: Die Formen erscheinen eingebettet, geschützt oder isoliert – wie Bildkörper innerhalb eines Bildkörpers. Dadurch entsteht eine eigentümliche Spannung zwischen Innen und Außen, Figur und Umgebung.
Kunsthistorisch lässt sich diese Werkgruppe im Spannungsfeld zwischen biomorphem Surrealismus und der europäischen Nachkriegsabstraktion verorten. Parallelen zeigen sich etwa zu Jean Dubuffets materiellen Bildfindungen, zu Mirós späten organischen Formkonstellationen oder auch zu den informellen Tendenzen der 1950er Jahre. Gleichzeitig bleibt Krautgassers Ansatz eigenständig, da er das Organische nicht als eruptive Geste, sondern als kontrollierte, fast diagrammatische Wachstumsform entwickelt.
Die verwendeten Techniken – Tempera, Kleister, Materialdruck – unterstützen diesen Eindruck zusätzlich: Farbe wirkt nicht nur als Oberfläche, sondern als Substanz, als etwas, das sich schichtet, verdichtet und transformiert.
Diese Arbeiten lassen sich daher weniger als reine „biomorphe Abstraktion“ verstehen, sondern als eine Form von morphologischer Bildforschung, in der Prozesse von Entstehung, Wachstum und Transformation visuell erprobt werden.
 

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